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Elektronische Baugruppen in einer Wellenlötmaschine

Löttechnik in der Fertigung: Von Handlötplätzen bis zur Reflow-Anlage

Handlöten, Selektivlöten, Wellenlöten oder Reflow-Löten: In der Praxis werden heute oft mehrere Lötverfahren parallel angewendet – im gleichen Unternehmen, manchmal sogar in derselben Linie. Denn: Was im Prototypenbau perfekt funktioniert, kann in der Serienfertigung schnell zum Engpass führen. Zudem ist, was hochautomatisiert läuft, nicht immer die beste Lösung für jede Baugruppe. Dieser Beitrag gibt einen strukturierten Überblick über gängige Löttechniken und liefert Entscheidungshilfen für die Auswahl in der Praxis.

Autor: Roberto Bellandi | | Lesezeit: ca. 6 Minuten

Warum Löttechnik heute so vielfältig ist

Dass es heute so viele Lötverfahren gibt, hat einen einfachen Grund: Die Anforderungen in der Fertigung haben sich stark verändert.

  • Bauteile werden kleiner
  • Baugruppen werden komplexer
  • Qualitätsanforderungen steigen
  • Kosten- und Zeitdruck nimmt zu
  • Flexibilität ist Pflicht

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Handlötplätze: der Klassiker in der Fertigung

Handlötplätze sind häufig der erste Berührungspunkt mit professioneller Löttechnik – und sie verschwinden auch in modernen Fertigungen nicht. Im Gegenteil: Handlötplätze bleiben relevant, weil es immer Aufgaben gibt, die sich nur schwer automatisieren lassen.

Zu den Löttechnik-Produkten

Typische Einsatzbereiche für Handlöten

  • Prototypenbau und Entwicklung
  • Nacharbeit und Reparatur (Rework)
  • THT-Bauteile in Kleinserien
  • Kabelkonfektionierung
  • Sonderbaugruppen, Variantenfertigung, geringe Stückzahlen

Was macht einen guten Handlötplatz aus?

Ein guter Handlötplatz besteht nicht nur aus Lötkolben und Lötzinn. Entscheidend ist ein Set-up, das Qualität reproduzierbar macht und gleichzeitig effizient bleibt.

Wichtige Bausteine:

  • Lötstation mit Temperaturregelung
  • geeignete Lötspitzen
  • Pinzetten und Greifhilfen für präzises Positionieren
  • ESD-Schutz (Matte, Handgelenkband, geerdete Werkzeuge)
  • Lötrauchabsaugung und Arbeitsplatzschutz

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Handlöten: Vorteile und Grenzen

Als Einstieg ist Handlöten ideal. Für stabile Serienprozesse braucht es jedoch oft ergänzende oder automatisierte Verfahren.

Vorteile

  • sehr flexibel, schnell einsetzbar
  • geringe Investitionskosten
  • ideal für Einzelstücke und Anpassungen

Nachteile

  • stark abhängig von Erfahrung und Tagesform
  • Qualität schwankt ohne klare Prozessvorgaben
  • bei steigenden Stückzahlen schnell ineffizient
  • Risiko von thermischer Überlastung (Bauteile/PCB)

Selektivlöten und Wellenlöten: Die Brücke zwischen Handarbeit und Automation

Sobald Stückzahlen steigen, reicht ein reiner Handlötprozess oft nicht mehr aus. Die Herausforderung: mehr Durchsatz und gleichbleibende Qualität, ohne dabei an Flexibilität zu verlieren. An dieser Stelle kommen Verfahren wie Selektiv- und Wellenlöten ins Spiel. Sie bilden in vielen Fertigungen die nächste Ausbaustufe, da sie bei weniger manueller Arbeit stabilere Prozesse und besser planbare Taktzeiten bieten.

Wellenlöten: schnell, robust, aber weniger flexibel

Wellenlöten ist ein automatisiertes Lötverfahren, das vor allem für THT-Bauteile (Through-Hole Technology) genutzt wird. Dabei läuft die Leiterplatte über eine Welle aus flüssigem Lot. Diese Lotwelle benetzt die durchkontaktierten Pins und Pads auf der Unterseite, während das Lot durch Kapillareffekte auch in die Durchkontaktierung steigt.

Stärken

  • hohe Geschwindigkeit
  • bewährte Technik für Serien
  • wirtschaftlich bei passenden Baugruppen

Herausforderungen

  • weniger geeignet für komplexe Mixed-Tech-Baugruppen
  • Maskierung/Abdeckung kann nötig sein
  • Lotbrücken und Schatteneffekte möglich

Wellenlöten funktioniert besonders gut, wenn …

  • viele THT-Pins gelötet werden müssen.
  • die Baugruppen standardisiert sind.
  • der Prozess stabil über lange Serien laufen soll.

Selektivlöten: automatisiert – aber gezielt

Beim Selektivlöten werden nur bestimmte Lötstellen auf einer Leiterplatte gelötet, meist THT-Pins oder einzelne Bereiche einer Baugruppe. Im Unterschied zum Wellenlöten wird also das Lot ausschließlich dort aufgebracht, wo es gebraucht wird.

Stärken

  • gute Wiederholbarkeit
  • oft weniger thermischer Stress
  • ideal für komplexere Baugruppen

Herausforderungen

  • Programmierung/Set-up benötigt Know-how
  • Prozessfenster muss sauber definiert sein
  • nicht jede Geometrie ist trivial (Abstände, Abschattung)

Selektivlöten funktioniert besonders gut, wenn …

  • nur bestimmte Bereiche gelötet werden sollen.
  • die Baugruppe empfindliche SMD-Zonen hat.
  • Mixed Technology vorliegt.

Reflow-Löten: Standard in der SMD-Serienfertigung

Wenn es um moderne Elektronikfertigung geht, führt am Reflow-Löten (auch: Reflow Soldering) kaum ein Weg vorbei, besonders bei SMD-Bestückung.

Was ist Reflow?

Reflow bedeutet: Das Lot wird nicht direkt mit einer Spitze zugeführt, sondern als Lötpaste auf Pads gedruckt. Danach werden die Bauteile platziert und im Ofen kontrolliert erhitzt, bis die Paste schmilzt und eine Lötverbindung entsteht. Das Verfahren ist deshalb so verbreitet, weil es sehr gut automatisierbar ist, hohe Packungsdichten ermöglicht und reproduzierbare Qualität liefert.

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Gut zu wissen

Wie funktioniert ein Reflow-Ofen?

Ein Reflow-Ofen erhitzt bestückte Leiterplatten kontrolliert in mehreren Temperaturzonen, sodass die Lötpaste schmilzt und stabile Lötverbindungen an den SMD-Bauteilen entstehen.

  1. Vorwärmen
  2. Soak/Temperaturausgleich
  3. Reflow-/Peak-Zone (Lot schmilzt)
  4. Abkühlen (Lötstelle erstarrt)

Gut zu wissen: Reflow-Lötanlagen sind meist das Herzstück einer SMD-Fertigungslinie. Nachdem die Baugruppe im Reflow-Ofen erhitzt wurde, folgen je nach Qualitätsanforderung optische Prüfungen, zum Beispiel per AOI, und bei Bedarf Nacharbeit am Handlötplatz.

Vergleich: Welche Löttechnik passt wofür?

Die passende Löttechnik ergibt sich meist aus der Abstimmung zwischen technischen Anforderungen und Wirtschaftlichkeit:

Schritt 1: Stückzahl und Durchsatz

  • Handlöten: ideal für Einzelstücke, kleine Serien, Nacharbeit
  • Selektiv/Welle: gut für mittlere bis große Serien (THT/Mixed)
  • Reflow: stark bei Serienfertigung mit SMD

Schritt 2: Prozessstabilität und Wiederholbarkeit

  • Handlöten: schwankt je nach Operator
  • Selektiv/Welle: stabil bei sauberem Set-up
  • Reflow: sehr stabil bei gutem Profil und Materialmanagement

Schritt 3: Investitionsaufwand

  • Handlöten: niedrig
  • Selektiv/Welle: mittel bis hoch
  • Reflow: hoch (Linie + Peripherie), dafür skalierbar

Schritt 4: Flexibilität bei Varianten

  • Handlöten: sehr hoch
  • Selektiv: hoch (programmierbar)
  • Wellenlöten: eher niedrig
  • Reflow: hoch, aber mit Rüstaufwand (Schablonen, Profile)

Schritt 5: Typische Fehlerbilder

  • Handlöten: Überhitzung, kalte Lötstellen, zu viel/wenig Lot
  • Welle: Brücken, Schatten, Lötperlen
  • Selektiv: unvollständige Benetzung bei schwieriger Geometrie
  • Reflow: Tombstoning, Voids, Head-in-Pillow

Entscheidungshilfe: Diese Fragen sollten Sie sich stellen

Je nach Fertigungsumfeld führen unterschiedliche Wege zum optimalen Prozess. Die folgenden Leitfragen unterstützen bei der Auswahl:

  • Welche Baugruppen fertigen Sie (SMD-only, THT-only oder Mixed Technology)?
  • Welche Stückzahlen sind realistisch (heute und in 12 Monaten)?
  • Wo entstehen aktuell Engpässe?
  • Wie wichtig sind Dokumentation und Nachverfolgbarkeit?
  • Wie viel Rework ist akzeptabel?
Gut zu wissen

Faustregel zur Auswahl

  • Handlöten: wenn Flexibilität wichtiger ist als Taktzeit
  • Selektivlöten: wenn reproduzierbare THT-Lötstellen in Mixed-Tech gefragt sind
  • Wellenlöten: wenn robuste Serienprozesse mit passenden Baugruppen im Fokus stehen
  • Reflow: wenn SMD-Serienfertigung, Miniaturisierung und Automatisierung dominieren

Löttechnik als Prozessentscheidung

In der Elektronikfertigung ist Löttechnik selten ein einzelnes Verfahren, das alles abdeckt. Handlöten bleibt wichtig, etwa für Prototypen, Nacharbeit oder kleine Stückzahlen. Sobald Durchsatz und Wiederholbarkeit stärker in den Fokus rücken, werden teilautomatisierte Verfahren zur logischen Ergänzung.

Entscheidend ist weniger die beste Technologie, sondern der passende Prozess für die eigene Fertigungsrealität. Wer Löttechnik als Baukastenprinzip versteht, trifft fundiertere Entscheidungen – nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich.

Autor: Roberto Bellandi, Roberto Bellandi ist einer der Produktmanager bei Bürklin Elektronik. Dort ist er für Messtechnik, Werkzeuge und Werkstattbedarf, Löttechnik, Gehäuse sowie chemische Erzeugnisse verantwortlich. Roberto arbeitet seit 2017 bei Bürklin Elektronik und verfügt über 25 Jahre Erfahrung als Produktmanager in der Elektronikbranche. Zuvor war er bei diversen Elektronikdistributoren tätig. Er ist Experte auf seinen Gebieten und interessiert sich für alle Themen rund um erneuerbare Energien.